2. Forum Fokus Ethik, 6. und 7. April 2017: «Hauptsache Wahrheit»

Das Forum Fokus Ethik ist eine Plattform für den interdisziplinären Dialog: Unter der Leitung von Barbara Bleisch, Philosophin, Moderatorin der Sternstunde Philosophie (SRF), diskutieren hochkarätige Referenten mit Gästen und den Teilnehmenden über gesellschaftsrelevante Themen.

Ich bin Mitorganisatorin des Forums Fokus Ethik. Wir haben uns auf die Fahne geschrieben, das Bewusstsein für ethisches Denken und Handeln in der Gesellschaft zu fördern. Warum? Wo wichtige Entscheidungen getroffen werden müssen, stellt sich eine Frage stets von neuem: Wie handle ich nach ethischen Werten? Im Zeitalter von alternativen Fakten erhält diese Thematik eine neue, umstrittene Perspektive: jene der Wahrheit.

Wieso engagiere ich mich persönlich in der Steuergruppe Fokus Ethik? Einerseits bin ich daran interessiert, das menschliche Handeln besser zu verstehen und für mich persönlich Antworten auf zahlreichen Fragen zu finden. Hochkarätige Rednerinnen und Redner diskutieren kontrovers und helfen mir dabei mir eine eigene Meinung zu bilden. Andererseits bietet mir der Anlass die Möglichkeit meine Meinung mit anderen auszutauschen und auch den Dialog mit unterschiedlichen Mitmenschen zu üben – zuhören, sprechen, argumentieren und überzeugen. Als leidenschaftliche Netzwerkerin ist dieser Anlass für mich zudem eine wahre Bereicherung. Ich komme mit den unterschiedlichsten Menschen in einen engeren Kontakt, was mir ermöglicht wertvolle Beziehungen aufzubauen.

 

Mein persönlicher Rückblich auf das 2. Forum Fokus Ethik

In diesem Jahr wurde die Veranstaltung durch die Themenschwerpunkte: Wahrheit und Macht, PR und Medien, Leben und Sterben sowie Digital Natives geprägt. Unser Präsident, André von Wattenwyl, eröffnete das Forum mit der Frage: Gibt es eine objektive Wahrheit oder bleibt Wahrheit subjektiv?

Rüdiger Safranski sprach als erster Referent zum Thema „Wie viel Wahrheit braucht der Mensch? In seinem Referat hat er gleich mehrere Punkte behandelt, welch mir in Erinnerung bleiben und mir nachhaltig zu denken geben werden. Hier ein paar Denkanstösse:

  • Es gibt mehrere Arten von Wahrheit.
  • Wissen und Glauben gilt es zu unterscheiden.
  • Die Kunst ist der Umgang mit der Vieldeutigkeit.
  • Die Lüge ist der Gegensatz zu Wahrheit.
  • Ereignisse sind Tatsachen. Ereignisse sind einmalige Geschehnisse.
  • Die Lüge lässt Ereignisse verschwinden.
  • Meinungen können Tatsachen bedrohen.
  • Das Positive an den digitalen Medien: sie bieten wirkungsvolle Möglichkeiten zur Tatsachenrecherche.

Das anschliessende Podiumsgespräch, zum Thema „wieviel Wahrheit braucht der Staat? Macht und Ohnmacht“, mit Flavia Kleiner, Roger Köppel und Rüdiger Safranski war eine Herausforderung für die Moderatorin Sonja Hasler und das Publikum. Flavia Kleiner will mit der Operation Libero Lügen entlarven. Dabei kommen „online warriors“ zum Einsatz, die sich in den sozialen Medien mit den Leuten auseinandersetzen und gegen Trolle wie jede der SVP vorgehen. Roger Köppel sieht keine Notwendigkeit für Wahrheitsapostel denn er sieht das Volk als stimmberechtigte Einheit am Ende als Souverän des Staates an, das bestimmt, was es glauben will. Er sorgte mit der Äusserung „Mehrheit vor Wahrheit“ für Aufregung. Herr Safranski sorgte dafür, dass die Begrifflichkeiten korrekt verwendet wurden und meinte auf die Frage „wo finde ich Wahrheit“? Im Zweifel hilft auch nachdenken!

Im Modul PR & Medien referierte Frau Sylvia Egli von Matt zum Thema „wahr ist was gefällt“ und setzte sich dabei mit den Faktoren der Transformation – Digitalisierung, PR-Dominanz, Verrohung der Kommunikation – des Journalismus und den Folgen – das Zugespitzte, Flucht in die „bubble“, verzerrte Weltsicht –  davon auseinander. Sie nahm die Nutzerinnen und Nutzer d.h. die Konsumentinnen und Konsumenten der Medien in die Verantwortung denn sie bestimmen deren Weiterentwicklung.

Lis Borner versuchte die Frage „wieviel Information erträgt/braucht der Mensch?“ zu erörtern. Diese Frage konnte allerdings nicht beantwortet werden. Viele Menschen scheinen sich auf den Konsum von Informationspartikeln zu beschränken. Die News-Deprimierten machen 31% der schweizerischen Bevölkerung aus. Das sind Menschen, die nicht daran interessiert sind die Wahrheit zu erfahren. Frau Borner übte aber auch Selbstkritik. Die Journalistinnen und Journalisten hätten die Gratismentalität unterstützt und den Schaden, der damit angerichtet wird, lange nicht gesehen. Wichtig scheint ihr die Qualität der Informationen, welche die Bürgerinnen und Bürger auch einfordern sollen.

Das Podiumsgespräch mit Sylvia Egli von Matt, Lis Borner, Victor Schmid, Philipp Tingler und Res Strehle widmete sich dem Thema „die Kunst der Wahrheit“. Für den Philosophen Tingler geht die heutige Gesellschaft anders mit Scham um als früher. Viele Menschen hätte lieber schlechte Aufmerksamkeit als gar keine Aufmerksamkeit. Schlechte „news“ sind somit gute „news“. Herr Schmid machte auf die Transparenz in der PR-Branche aufmerksam. Die PR-Industrie ist transparent, da man weiss woher PR kommt. Gegensteuer aus der Runde kam vor allem in Zusammenhang mit „spin doctors“. Da sollte der Journalismus, als Sicht von aussen, eigentlich einen Vertrauensbonus geniessen. Einige waren sich die Diskutierenden in Sichtweise auf das Vertrauen als neutrale Grösse, die nicht beworben werden kann.

Verhilft die Reproduktionsmedizin zum wahren Leben? Diese Frage stelle der Moderator Jean-Daniel Strub und bat Herrn Andreas Bernard uns seine Erkenntnisse und Meinungen über die neue Reproduktionsmedizin und die Ordnung der Familie vorzutragen. Nach seinen Ausführungen zu der Geschichte der Zeugung und den „Reproduktionsfamilien“ präsentierte er uns eine zwei Fragen auf welche er bisher keine Antworten gefunden hat. Wie indifferent ist der Mensch gegenüber den Bedingungen seines Entstehens? Erfüllen wir freiwillig bevölkerungspolitische Programme? 

Herr Konrad Paul Liessmann führte uns in einem packenden Referat den Optimierungswahn der Menschheit vor Augen. Unsere Gesellschaft ist von der Idee der Perfektion, der permanenten Leistungssteigerung, geprägt. Wir wissen heute weniger denn ja, was der Mensch tatsächlich ist.

Frau Dorothea Wunder führte uns die Kinderwunschbehandlung aus medizinischer Sicht vor Augen und präsentierte uns, was alles machbar ist. Dieser Vortrag hat mich persönlich ein wenig irritiert da, sie die Möglichkeiten aufzeigte aber die Sinnhaftigkeit all dieser Möglichkeiten in Frage stellte und sich in der Präsentation dann auch auf die Risiken der Eingriffe konzentrierte. Das hinterliess bei mir ein ungutes Gefühl.

Andreas Bernard, Konrad Paul Liessmann, Dorothea Wunder und Manuela Käser, diskutierten im Podiumsgespräch über Vertrauen und Wissen in der Reproduktionsmedizin. Wissen durch Zufall kann bei Spendenkindern zu Vertrauensverlusten und zu Sinnkrisen führen. Familiengeheimnisse scheinen im Allgemeinen nicht gut verkraftbar zu sein. Es stellt sich grundsätzlich die Frage, ob das Kindeswohl tatsächlich in die Entscheidungsfindung miteinbezogen wird.

Nach diesem vollen Tagesprogramm war er richtig schön die Soiréeéthique zu geniessen. Aperitif und 3-Gang-Dîner unter dem Titel „es ist nicht immer alles so wie es scheint“. Untermalt wurde der Abend mit Cellocomedy Duo Calva. Dank einer ausserordentlich interessanten Tischrunde war der Abend perfekt.

Die Übernachtung im Hotel Deltapark liess mich meine Kräfte sammeln für den zweiten Tag.

Der Freitagmorgen begann mit schwerer Kost, dem Thema „Sterben“. In ihrem Referat „Selbstbestimmung, auch am Lebensende“ stellt Saskia Frei die Organisation EXIT vor. Die meisten Menschen leben heute ein selbstbestimmtes Leben und fordern aus diesem Grund auch Selbstbestimmung am Lebensende. Es gilt sich auch die Frage zu stellen, ob alles sinnvoll ist, was zur Verlängerung des Lebens eingesetzt wird.

 

Roland Kunz referierte im Anschluss über die Begleitung bei begrenzter Lebenserwartung. Sein Referat informierte uns über die Palliative Care. Diese hat zum Ziel, bei fortschreitenden, unheilbaren Erkrankungen das Leiden der Betroffenen zu lindern, die bestmögliche Lebensqualität zu sichern und ein Sterben in Würde zu ermöglichen. Anhand der „vier S“ – Symptome, Selbstbestimmung, Sicherheit, Support – wurden wir über das Themengebiet unterrichtet.

Saskia Frei, Christine Bär-Zehnder, Roland Kunz und Thomas Zeltner diskutierten danach auf dem Podium über die ethische und ökonomische Beurteilung der aktiven/passiven Sterbehilfe. Der Verlust von einem Menschen ist immer eine schwierige Phase an der verschiedene Ansprechpersonen und Partner beteiligt sind. Da in der heutigen Zeit die sozialen Bindungen schwinden sind die Menschen in schwierigen Phasen aber oft auf sich alleine gestellt oder sie entscheiden genau in diesen Phase egoistisch und denken nicht an die Mitmenschen. Wie werde ich mich fühlen wenn ich dement bin? Auf diese Frage gibt es nur hypothetische Antworten.

Nach dieser schweren Kost und der Mittagspause kamen die Digital Natives zu Wort. Renato Kaiser erläuterte wie er versucht die Wahrheit über Social Media zu verstehen. Im Anschluss erklärte Philipp Riederle seine Generation. Technik hat ihn schon immer fasziniert. Mit 13 liess er sich eines der ersten iPhones aus den USA mitbringen lassen und crackte das Gerät, um damit auch in Deutschland telefonieren zu können.

Renato Kaiser, Philippe Wampfler mit drei seiner Schülerinnen, Petra Rohner und Philipp Riederle diskutierten im Anschluss zusammen über die Digital Natives in der heutigen Welt.

​Mein Orden für die beiden Tage geht aber an Daniel Osterwalder für seinen unermüdlichen und wertvollen Einsatz als Visualisierer.

 

Der Umgang mit unseren Werten muss in Zukunft noch intensiver erörtert werden. Die Ethik muss  im Gespräch bleiben.

 

 

 

 

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Kommentare

  1. Wenn ich mich recht erinnere, war Philipp Riederle 8 Jahre alt, als er das IPhone knackte. Mit 13 Jahren wird er sein eigenes Unternehmen gegründet haben.